Macht Schule dumm und gefährdet damit unsere Zukunft?


In diesem Blog fasse ich ein Gespräch zwischen David Richard Precht und dem Neurobiologen Prof. Hüther zusammen, kommentiere und ergänze es. Das Gespräch wurde im ZDF am 2.9.2012 gesendet. Im Mittelpunkt dieses Dialogs stand die Frage, ob unser Schulsystem noch zukunftsfähig ist, was die Gründe sind, warum es so noch existiert und wie eine zukunftsfähige Bildung aussehen kann. Die vom Autor hinzugefügten Gedanken sind kursiv gekennzeichnet.

Dialog zwischen Richard David Precht und Prof. Hüther, einem der führenden Neurobiologen.

Quelle: ZDF

„Schule vermittelt falsche Inhalte durch die falschen Leute mit falschen Methoden“ (Precht)

Mit dieser Aussage beginnt David Richard Precht die Sendung. Prof. Hüther bestätigt diese Aussage. Aus seiner Sicht ist unser Schulsystem völlig veraltet und berücksichtigt in keiner Weise die neuesten Forschungsergebnissen der Gehirnforschung (siehe unten). Dies kann man allein daran erkennen, dass von den ca. 20.000 Schulstunden (Precht spricht von 100.000 Schulstunden, Anm. des Bloggers), die ein Mensch bis zum Abitur braucht, kaum etwas hängen bleibt. Schule ist nach Prechts Auffassung ein enorm ineffizientes System. Unternehmen, Organisationen oder Gesellschaften, die dermaßen ineffizient sind, wären schon längst abgeschafft worden oder hätten jegliche Legitimation verloren.

Der Dialog spitzt sich auf die Frage zu: Machen wir so weiter oder kommt es noch schlimmer?

Die Zukunft unseres rohstoffarmen Landes hängt von der Entwicklung junger Menschen und die Förderung ihrer Potentiale ab. Wie soll unsere Gesellschaft den globalen Wettbewerb zukünftig mit einem derartigen Schulsystem bestehen, das noch überwiegend am wilhelminischen Weltbild des Obrigkeitsstaats und in der Welt des Maschinenzeitalters verhaftet ist?

Hüther mahnt sogar: Wenn es uns nicht schnellsten gelingt, dieses Schulsystem auf die heutige Zeit zu transformieren, wird es diese Gesellschaft nicht mehr lange geben. Wir können uns so ein Schulsystem nicht mehr leisten, fährt Hüther fort, weil dieses System die Lust am Lernen zerstört. Referendariatsprüfungen laufen heute immer noch so, dass Lernen als Planspiel der Lehrer angesehen wird, wo die Antwort der Schüler im Unterrichtsplan vorgegeben sind. Der Referendar besteht dann die Prüfung, wenn die Schüler das sagen, was der Lehrer an Antworten erwartet.

(Anm. des Bloggers): Die Lehrer und Lernbürokraten gehen davon aus, das Lernen ein reines Reiz-Reaktions-System ist, auf dass die Menschen wie dressierte Affen reagieren sollen oder vorgegebene Zielen genau nach vorgeschriebenen Mustern zu erreichen. Damit geht es im Kern im Anpassung und Unterordnung und nicht um Kreativität oder tatsächliche Problemlösungskompetenz oder um Persönlichkeitsentwicklung. Unser Gehirn kann aber nur das wirklich nachhaltig lernen, wenn es zum Gelernten eine emotionale oder subjektive Beziehung aufbaut.

Precht resümiert treffend, dass diese Art von Lernen einen kritischen Nebeneffekt hat. Schule zerstört mit dieser Art des Lernens jede Kreativität. ( Anm. des Bloggers: Und es baut die Lernwiderstände erst auf, die ein Großteil der lernpädagogischen Literatur den Menschen als anthroposophische Konstante unterstellt) und gegen fundamentale lernbiologische Natur des Menschen verstößt.

2006 musste der Steuerzahler für einen Schüler oder eine Schülerin pro Schuljahr laut statistischen Bundesamt 4.900 Euro bezahlen. Ein Abiturient kostet dem Steuerzahler also 58.000 Euro. Im Jahr 2010 verließen laut statistischem Bundesamt insgesamt 53.000 junge Leute die Schule ohne einen Hauptschulabschluss. Das entspricht 6,6 Prozent des Absolventenjahrgangs. Der Staat setzt allein 2010 23,37 Mrd. Euro an Ausbildungskosten in den Sand ohne die Folgekosten für Hartz IV, Drogensucht und Kriminalität mitzurechnen (4.900 Euro * 9 Schuljahre * 53.000 Menschen ohne Abschluss).

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Was sind die Gründe, warum wir ein offensichtlich so ineffizientes Lernsystem noch aufrechterhalten?

Prof. Hüther legt dar, dass Menschen, die so ein Schulsystem überlebt haben, selber davon ausgehen, dass Lernen in dieser Form normal ist und somit ihre Kinder auch so lernen müssten. Er verweist auf die Beharrungskräfte der Lehrer und Schulbürokraten und meint, dass man die Frösche nicht fragen darf, wenn man den Sumpf austrocken will. Hüther setzt allein auf die Bürger und sieht keine Hoffnung, dass das System sich selbst so reformieren kann, dass es zukunftsfähig ist. Zweifelsfrei gibt es ja auch Menschen, die durch dieses Schulsystem Karriere gemacht haben und daher die Gedanken von Hüther und Precht nicht nachvollziehen können. Dem hält Hüther entgegen, was wäre aus ihnen geworden, wenn man ihre Potentiale tatsächlich gefördert hätte: Ein Nobelpreisträger?

Precht sieht dagegen eine Bildungsbürgerschicht, die immer noch in dem Wahn lebt, über die unterschiedliche Verteilung von Bildung einen Vorteil zu erlangen, in dem sie andere gesellschaftliche Schichten von Bildung auszuschließen. Wenn es tatsächlich ein Schulsystem gebe, mit einer Schule und gemeinsamen Lernen sowie Förderung der verschiedenen Talente, so Precht, dann hätten wahrscheinlich 80% des Jahrgangs Abitur. Was ist denn dann noch das Abitur Wert? (Anm. des Bloggers:) Es verliert damit seine Diskriminierungsfunktion.

Wie könnte eine Schule der Zukunft aussehen und welche Konsequenzen hat es, wenn wir uns nicht gelingt, eine zukunftsfähige Schule zu entwickeln?

Hüther plädiert für ein gemeinsames Lernen, weil unser Gehirn nur über Beziehung lernt. Lehrer sind in einer zukünftigen Schule Ermöglicher, Lerndesigner oder Coaches, die in der Lage sind, einen „Haufen“ zu einem leistungsfähigen Team zu formen.

Bildung kann daher nur gelingen. Damit mein Hüther, Schule muss den Menschen Rahmenbedingungen bieten, in dem sie ihre Potentiale entfalten. Wir brauchen dafür andere Menschen und eine andere Organisation von Schule. Das jetzige Schulsystem vergeudet Ressourcen. Human Resources ist nach Hüther ein alter Begriff, der immer noch von der Ausbeutung und damit von der Vergeudung von Ressourcen ausgeht. Wir leben in einem Zeitalter, Ressourcen intelligent zu nutzen. In diesem Sinne muss sich Schule ändern von einer Institution der Ressourcenvergeudung zu einer Institution, die Ressourcen entwickelt und fördert.

Nach Hüther besitzt jeder Mensch eine Hochbegabung. Es gibt Menschen mit besonderer Sensibilität, Empathie, handwerklichen Geschick oder sportlichen Begabungen u.v.a.m. Precht ergänzt ihn und nennt das Beispiel, warum ein Menschfreund, der handwerklich und feinmotorisch besonders begabt ist, nur kein Chirurg werden kann, weil er in der Oberstufe zu schlecht in Französisch war?

Precht bemängelt die Sichtweise auf Begabung durch unser Schulsystem. In diesem wird die Analytik als dominantes Begabungsprofil geschult. Aus seiner Sicht ist die heutige Schule des letzte System der Gleichmacherei, die überwiegend Anpasser und (Anm. des Bloggers:) kognitive Mastschweine mit unterentwickelter emotionaler und sozialer Intelligenz hervorbringt. 

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Was für eine Gesellschaft soll mit diesen Menschen entstehen? Precht und Hüther sind der Meinung, dass eine solche Gesellschaft sich nicht mehr weiterentwickeln kann. Der neue Bildungsbegriff ist nicht mehr – wie im Maschinenzeitalter – in Erfolgen zu messen, sondern ganzheitliche Bildung im Sinne von Humboldt ereignet sich, ist also ein Prozess der Selbststeuerung durch emanzipierte Subjekte.

Hier mit tut sich für Precht ein Dilemma auf. Wie kann man ein System ändern, das Menschen braucht, die es aber so eben gerade durch das Bildungssystem nicht gibt (Humboldsches Dilemma)?

Hüther geht davon aus, dass es für die Änderung von Schule eine zivilgesellschaftliche Bewegung in den Kommunen braucht (Graswurzel-Bewegung), um Schule für die Zukunft zu transformieren. Dabei ist das Bildungsprofil der Zukunft weiter zu fassen, als reine Kopfbildung, sondern sie muss auch die Herzens- und Körperbildung umfassen. Ein Lernen ohne Gefühle gibt es nicht. Lernen geht nur mit Leidenschaft, Beziehung und Erfahrung. Dabei benötigt unser Gehirn eine Art „Dünger“, sonst entsteht kein nachhaltiger Lernprozess. Hüthers Botschaft ist: Nachhaltiges Lernen geht nur, wenn sie unter die Haut geht.

Ich möchte den geneigten Leser dieses Blogs auf das von mir dargelegte Thema über Motivation und Lernen hinweisen, in dem ich ein Teil der Entwicklungsgeschichte des Psychischen und damit der menschlichen Natur des Lernens dargestellt habe. Dieses Modell der subjektwissenschaft der Berliner Schule scheint mittlerweile durch die Gehirnforschung bestätigt zu werden.

Die grössten Leistungen von Menschen werden nach Ansicht von Hüther von Menschen mit Leidernschaft erbracht und genau diese wird den Menschen in unserem Schulsystem systematisch ausgetrieben. Hüther geht davon aus, dass niemand ein Interesse daran haben kann, Menschen den Spass und die Leidenschaft am Leben zu nehmen. So ermorden Kinder ihre Drilleltern in Hongkong oder stürzen sich von Brücken.

Beide gehen davon aus, dass die meisten Eltern von überholten Annahmen über die Karrieremöglichkeiten ihrer Kinder ausgehen. Wichtige Fähigkeiten, im Beruf erfolgreich zu sein, wie soziale und emotionale Komptenz sowie Leidenschaft und Engagement werden in der Schule nicht vermittelt. In der Wirtschaft findet bereits ein Wandel statt. Gute Noten sind in mehr Unternehmen keine Grundlage mehr für Karriere, weil sie nichts über die Performance eines Menschen in der heutigen Arbeitswelt aussagen.

Die Entwertung des Schulsystems hat schon begonnen.

Hier finden Sie den Link zu Sendung. Machen Sie sich selbst ein Bild.

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1 Kommentare ↓

ein Kommentar - “Macht Schule dumm und gefährdet damit unsere Zukunft?”

  1. B. Stolte 10. September 2012 um 11:13 #

    Da haben die beiden Diskussionspartner den Nagel auf den Kopf getroffen. Die heute im Beruf erforderlichen Fähigkeiten werden in der Schule nur ansatzweise vermittelt. Und die Schüler werden durch Schule häufig derartig demotiviert, dass sie erstmal vom Lernen die Nase voll haben.

    Dabei st doch heute lebenslanges Lernen erforderlich, damit sich die Beschäftigten an die sich ständig ändernden Anforderungen anpassen.

    Dass Lehrer Fächer unterrichten und keine Schüler ist leider nicht nur ein Kalauer, sondern bittere Realität.

    Wenn Vorgesetzte in der Wirtschaft so an ihre Mitarbeiter herangehen würden wie viele Lehrer ihre Schüler behandeln, wären sie wahrscheinlich schon arbeitslos.

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