Zeit für eine neue Lernkultur Teil II


Warum sind die Gehirnforscher mit unserem Schulsystem so unzufrieden oder was können wir aus der Gehinrforschung und der Entwicklungsgeschichte des Psychischen über das Lernen lernen?

In diesem Blog berichte ich über den Vortrag von Prof. Zimpel am letzten Sonnabend in der Universität Hamburg . Ich verbinde ihn mit den Erkenntnissen über die Naturgeschichte des Psychischen. Diese Vorgehensweis ist für mich interessant, weil sich in den Funktionsweisen des Gehirns auch immer seine Naturgeschichte widerspiegelt.

Für Personaler (w/m) ist diese Entwicklung von besonderen Bedeutung. So wie unser Schul- und Hochschulsystem im Moment verfasst haben, bekommen wir in Zukunft neben dem Problem der Quantität (Demographie) auch ein erhebliches Qualitätsproblem in den Unternehmen. Unser Bildungssystem ist in seiner jetzigen Verfasstheit nicht in der Lage, Menschen mit zukunftsfähigen Fähigkeiten auszubilden.

Mittlerweile lassen sich die Gehirnaktivitäten mit einem neuen Verfahren den Magnet-Resonanz-Tomographen sehr gut beobachten. Ein Ergebnis ist, dass unser Gehirn sich ständig verändert, in dem es fast zu jeder Zeit und und jedem Alter neue neuronale Verbindungen erzeugt.

Allein dieser Befund stellt die gesamte Lernauffassung der Vergangenheit, wie sie noch bis heute an den Schulen vorherrscht, in Frage. Noch heute scheinen Schulbehörden und Lehrer davon auszugehen, dass man eine stabile Verbindung von zwei Neuronen durch ständige Wiederholung herstellen muss. Diese auf dem Behavorismus basierende Lernkonzeption (Reiz-Reaktions-Theorie) hat nie gestimmt. Nur heute kann man mit der Diffusionstensorbildung (neues Verfahren der Magnet-Ressonanz-Verfahren) diesen Unsinn sichtbar machen.

Das heutige Lernparadigma muss nach neueren Erkenntnissen der Gehirnforschung heissen: Die Potentiale sind von Anfang an dar, sie müssen nur gefördert werden.

Ein Kind hat mehr Neuronenverbindung als jeder Erwachsener. Allein dieser Befund widerlegt das alte Paradigma:

Zwei Neuronen = eine Kognition.

Denn niemand wird ernsthaft behaupten, dass Erwachsene dem Kleinkind im Denken deswegen unterlegen sind, weil er weniger Neuronenverknüpfung hat. Abstrakte Lernvorgänge entwickeln sich bei heranwachsenden Menschen sehr langsam. Sie beginnen jedoch schon im Alter von eineinhalb Jahren.

Prof. Zimpel hat im Rahmen seiner Lernentwicklungsforschung festgestellt, dass eine Objektpermanenz bei Kindern mit Trisonomie 21 schon im Alter von acht Monaten nachweisbar ist. Nach Piagets entwicklungspsychologischen Konzept dürfte das gar nicht vorkommen. Dies ist ein weiterer Befund, der darauf hinweist, dass grundlegende Ordnungsprinzipien, nach dem Lernen in unserem Schulsystem organisiert sind, wissenschaftlich nicht mehr haltbar sind.

Ausgrenzungserfahrungen rufen schon bei Kleinkindern Schmerzen hervor!

Soziale Ausgrenzungen, die insbesondere durch den Auslesecharakter unseres Schulsystems tägliche Praxis sind, werden im Gehirn in der sog. Inselrinde und im sekundär-sensorischen Kontext verarbeitet. Das sind die gleichen Hirnareale die Schmerz verarbeiten. Menschen erleben psychische Gewalt wie körperliche Gewalt. Bei beiden Gewaltformen schüttet der Körper Kortison aus. Der Hypocampus als Sitz des Gedächtnis schrumpft. Dauerhafter Stress führt also zu einer Veränderung des Gehirns.

Wenn also Lehrer (w/m) immer wieder auf Fehler unserer Kinder mit roter Korrekturschrift rumreiten und immer die Defizite anprangern oder sogar Fehler zum Anlass nehmen, Menschen vor einer Gruppe bloß zu stellen, dann kann das der betroffene Mensch als Gewalt empfinden. Ergebnis ist ein Vermeidungsverhalten, weil negative Gefühle mit dem Lernen verbunden werden. Denkt so ein Mensch an das Lernen, wird gleichzeitig die Angst vor solchen Situationen aufgrund der Erfahrung mit abgespeichert.

Fazit: Unser Schulsystem erzeugt erst den Lernwiderstand und die Lernunfähigkeit und reproduziert damit hohe soziale Folgekosten. Wer rechnet eigentlich die Folgekosten aus, die unser Schulsystem für die Sozialsysteme erzeugt und stellt sie den Lehrern in Rechnung?

Welche Schlussfolgerungen lassen sich aus der aktuellen Gehirnforschung für eine neue Lernkultur ziehen?

  • Unsere Biologie ist sozialer als wir es bisher gedacht haben. Der Mensch wird als bio-soziales Wesen geboren. Wir verfügen über Spiegelneuronen, die uns in die Lage versetzen schon als Kleinkind, Perspektiven zu verschränken und die jeweilige Absicht des anderen zu erkennen.
  • Die menschliche Natur beruht auf Teilhabe. Die Potentialität Mensch entfaltet sich im sozialen Kontext. Die Fähigkeiten der Fairneß und Kooperation sind wohl offensichtlich angeboren. Man kann über Experimente nachweisen, dass Menschen von sich aus gerne Helfen und das dies eine positive Auswirkung auf das Gehirn hat. In Kooperationsbeziehungen handeln Kinder von sich aus fair und teilen. Menschen verhalten sich beim Teilen nicht rational, sondern sie richten ihre Teilungsregeln überwiegend nach sozialen Regeln aus.
  • Sich gegenseitig unterrichten zu können, ist eine menschliche Fähigkeit, die keine andere andere Spezie so kann. So können Makakenaffen das Verhalten eines Makakenaffenweibchens, rohe Kartoffeln vor dem Essen in Salzwasser zu waschen, nach machen. In dem Moment wo das Weibchen nicht mehr da ist, hören alle anderen mit dem Verhalten auf. Affen beherrschen das Niveau des Imitationslernens, aber nicht das Lernen von sozialen und gegenständlichen Bedeutungsverallgemeinerungen. Das heisst die sinnlich-stoffiche Präsens von Lerngegenständen ist nicht mehr erforderlich zum Lernen, sondern der Mensch kann ihre Bedeutungszusammenhänge weiterentwickeln (abstraktes & logisches Denken). Diese Fähigkeit muss im Gehirn ihre funktinale Entsprechung haben.

Man kann durch die Forschungsergebnisse von Volker Schurig, Entstehung des Bewußsteins bei der Menschwerdung im Tier-Mensch-Übergangsfeld noch weiter gehen als das was Prof. Zimpel über die soziale Natur aufgeführt hat:

  • Der Mensch entwickelt durch die Sprache und durch den Werkzeugebrauch eine Bedeutungsverallgemeinerung. Schimpansen beherrschen zwar eine Bedeutungsgeneralisierung von z.B. Stöcken, aber sie beherrschen keine Bedeutungsverallgemeinerung, d.h. sie behalten niemals einen Stock für den Fall von auf (u.a. Experimente von Köhler in den 30er Jahren in Berlin). Deswegen verstehen die Affen auch keine sozialen Zeichen, weil sie eine Bedeutungsverallgemeinerung auf Körperebene vorausetzen.
  • Der Mensch verfügt durch die Schriftsprache über einen kollektiven Wissenspeicher und kann damit eine Wissenakumualtion über Generationen bilden, die dann zu Kulturen und komplexen Gesellschaften führen.
  • Mitgedacht werden muss hierbei die Psychophylogense (Entwicklungsgeschichte des Psychischen), die sich als grundlegende Orientierungsfunktion anhand umweltneutraler Agenzien als Grundform des Psychischen zu einer hochkomplexen menschlichen Subjektivität entwickelt hat als spezifisches Vermittlungsverhältnis zwischen Individium und Gesellschaft.

Das sind nur einige über die von Prof. Zimpel ausgeführten wissenschaftlichen Erkenntnissen, die ihre unmittelbare Entsprechung in der Gehirnentwicklung haben und sich somit in der Funktionsweise des Gehirns widerspiegeln.

So führt Prof. Spitzer in seinen Serien über „Geist und Gehirn“ aus, dass z.B. Menschen bei komplexen Entscheidungen nicht nachdenken sollten und damit zu besseren Entscheidungen kommen, als wenn sie nachdenken. Möglicherweise hat das mit der Fähigkeit des Gehirns zur Plaztizität zu tun. Es gibt viele Hinweise durch Experimente, dass unser Verhalten dümmer ist, als unser Gehirn (u.a. Versuche mit Börsenmakler über Spekulationsentscheidungen u.v.a.m).

Volker Schurig spricht in seinen beiden Bänden über „Die Entstehung des Bewußtseins“ von der zweiten Evolution des menschlichen Gehirns im Tier-Mensch-Übergangsfeld vor ca. 4. Mio Jahren.

Die zweite Evolution des menschlichen Gehirns geht einher mit der zunehmenden Dominanz der gesellschaftlichen Lebensgewinnung gegenüber der pyhologenetischen Lebensgewinnung. Daraus erklärt sich u.a., warum unser Gehirn sich ständig verändert in seinen neuroalen Netz der sog. grauen Gehrinmasse und lebenslang über eine hohe Plaztizität verfügen kann. Unser Gehirn ist kein Muskel, es ist ein gesellschaftliches Organ. Oder wie Prof. Hüther es so treffend formulierte: Die soziale Interaktion hat ihre unmittelbare und sofortige Entsprechung im Gehirn. Soziales materialisiert sich also im Gehirn.

Konsequenzen für unser Schulsystem

Wenn dem so ist, dann bedeutet dies, dass unser Schulsystem im hohen Maße dort uneffektiv ist, wo es die bio-soziale Natur menschlichen Lernens missachtet. Wir brauchen demnach eine Schule, die ein soziales Umfeld für unsere Kinder schafft, in dem sie ihre vielfältigen Potentiale entfalten können. Dabei muss inbesondere darauf geachtet werden, Menschen in ihren Stärken zu stärken. Lehrer müssen aufhören zu erwarten, das Menschen ihre Erwartungen erfüllen, sondern erkennen, dass Menschen von sich aus lernen wollen und schon viel wissen. Dass sie ihre Subjektivität im Lernen auf das ausrichten, was sie wirklich interessiert und nicht, was andere ihnen vorgeben.

Dass Menschen sich über Lernen entwickeln müssen und wollen, weil sie darüber eine erweitere Teilhabe an der Gesellschaft und erweiterte Handlungsfähigkeit erreichen. Ich muss keinen Menschen motivieren. Motivation ist eine psyische Grundfunktion des Menschen neben der Kognition und Emotion. Motivation ist in der Naturgeschichte des Psychischen entstanden aus der Notwendigkeit von Lebenwesen, insbesondere den Säugetieren, im Schutz komplexer Sozialverbände, sich schnell an Veränderungen in der Umwelt besser anzupassen zu können. Motivation und Lernen sind somit entwicklungsgeschichtlich siamesische Zwillinge. Weiterführende Gedanken habe ich in einem anderem Blog dazu aufgeführt.

Prof. Spitzer führt in seiner schon genannten Serie aus, dass Emotionen ein Turbo für Lernprozesse sind. Schlechte Erfahrungen führen dabei zum Vermeidungsverhalten und gute Erfahrungen zu Wiederholungen. Im Gehirn werden beide Lernerfahrung durch zwei fundamental unterschiedliche Funktionen abgebildet, die demzufolge auch zu unterschiedlichen Verhaltensweisen führen. Flucht, Angriff, Starre bei Stress und Annäherungs- oder Wiederholungsverhalten bei positiven Gefühlen wie Freude und Glück, insbesondere wenn die Erwartungen übertroffen werden. Oder wie es Prof. Spitzer treffend formuliert hat:“Glücklich sind wir dann, wenn unser Gehirn lernen kann“. Er meint damit die positiven Gefühle beim Lernen.

Als die Motivation über die Öffnung der subsidären Lernfähigkeit zur autarken Lernfähigkeit im Explorationsverhalten entstanden ist, hat die Natur neben dem Angstgefühl auch das Glücksgefühl in das Gehirn „eingebaut“, damit jenseits des bewussten Verhaltens zu, die Lebenswesen motiviert sind, für-den-Fall von Erkundungsaktivitäten einzuleiten oder über Spielverhalten zu üben im Schutze von Sozialverbänden oder den Elterntieren. Die Angst ist deswegen ein stärkere Gefühl als die Freude beim Explorationsverhalten, weil es besser ist einen guten Fehler mehr zu machen (einmal mehr zu flüchten) als einen schlechten Fehler zu viel, der dann letale Folgen haben kann. Auch dieses lässt sich in der Funktionsweise unseres Gehirns erkennen.

Für die Lernpsychologie bedeutet dies, dass jedes Lernen über Angst, Druck, soziale Bewertungen wie Zensuren, Auslese, soziale Ausgrenzung bei den betroffenen Menschen Lernen nachhaltig verhindern kann, anstatt es zu fördern. Unser Schulsystem vernichtet damit den einzigen „Rohstoff“ den wir in unserem Land haben: Die Lern- und Entwicklungsfähigkeit der Menschen. Wir brauchen andere Menschen mit anderen Methoden und anderen Sichtweisen für eine neue Lernkultur. Jeder Tag mit dem bestehenden Schulsystem gefährdet unsere Zukunft.

„Es wäre also an der Zeit, aufzuwachen und unsere Schulen in das umzuwandeln, was sie sein müssten: Werkstätten des Entdeckens und Gestaltens, Erfahrungsräume zur Entfaltung der in allen Kindern angelegten Potenziale, Begegnungsorte für das Voneinander- und Miteinander-Lernen, Basislager des Erlebens von gegenseitiger Achtung und Wertschätzung und des Gefühls, aneinander und miteinander über sich hinauswachsen zu können.“

Prof. Gerald Hüther, Neurobiologe
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1 Kommentare ↓

ein Kommentar - “Zeit für eine neue Lernkultur Teil II”

  1. Anna Weingärtner (@MrsAnna88) 21. November 2012 um 11:40 #

    Toller Artikel! Er bringt auf den Punkt, warum die Gesellschaft in eine Richtung unterwegs ist, in der persönliche Potenziale und Begabungen kaum Aufmerksamkeit erhalten, im Gegenteil – es wird defizitorientiert gearbeitet.

    Dass das Erkennen und Nutzen von Talente und Potenziale DER Schlüssel sind – davon sind wir überzeugt.

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