Neue Ergebnisse der Neurowissenschaft zeigen: Persönlichkeit unterliegt einem lebenslangen Wandel


Lange Zeit glaubten Forscher, die individuellen Eigenarten eines Menschen würden sich nach der Jugend kaum noch verändern. Doch wie neue Studien zeigen, unterliegt unsere Persönlichkeit einem lebenslangen Wandel. Vor allem Beruf, Familie und Partnerschaft prägen den Charakter. Dabei ändert sich die Persönlichkeit auch durch die Berufs- und Partnerwahl. Einige Merkmale bleiben auch stabil wie Stressempfindlichkeit und Bindungsfähigkeit, andere Merkmale werden verstärkt durch den Lebenswandel wie Geselligkeit und andere unterliegen einem starken Wandel wie Gewissenhaftigkeit und emotionale Stabilität.

Ein Begriff der »Persönlichkeit« beschreibt die jeweilige Ausprägung relativ stabiler Eigenarten im Denken, Fühlen und Handeln eines Menschen (siehe »Big Five – Das Standardmodell der Persönlichkeit«,). Doch was genau bedeutet »relativ stabil«?

Intro-XinggruppeDie Psychologie hat nach wie vor keinen fundierten Grundbegriff über die Persönlichkeit. Soweit das Big Five Modell Messungen zugrunde gelegt wird, gehört es zur Binsenweisheit der Wissenschaftsanforderung, dass die Messung den Grundbegriff nicht beweisen kann. Ein Messung misst immer nur das, was der Grundbegriff unter Persönlichkeit versteht. Die Inkonsistent der Theorienbildung führt logischerweise zu eine Vielzahl an unterschiedlichen Messergebnissen.

Die Ergebnisse der Gehirnforschung und Ausführung von Prof. Roth gehen z.B. davon aus, dass sich bestimmte Persönlichkeitsprägungen in den prä- und postnatalen Phasen  (ersten vier Lebensjahren) herausbilden und im unteren und mittleren limbischen System konfiguriert werden. Zu diesen Ebenen haben wir normalerweise keinen bewussten Zugriff. Daher  sind diese Merkmale der Persönlichkeit stabil. Zu den stabilen Merkmalen der Persönlichkeit gehört nach Prof. Roth das Temperament, der Umgang mit Stress, die Bindungsfähigkeit und die Art und Weise wie wir auf Belohnung reagieren.

Neuere Längsschnittuntersuchungen von Boris Egloff und Stefan Schmukle aus 2011 zeigen, dass sich bestimmte Aspekte der menschlichen Persönlichkeit über die gesamte Lebensspanne verändern und insbesondere die von Prof. Roth genannten Merkmale wiederum stabil bleiben.

Die größten Veränderungen treten vor dem Alter von 30 Jahren sowie jenseits der 70 auf.

Die Forscher griffen dabei auf Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) zurück, einer umfangreichen Befragung von rund 20 000 Deutschen. Die Teilnehmer waren repräsentativ für die erwachsene Bevölkerung ausgesucht worden und beantworteten im Jahr 2005 sowie ein weiteres Mal 2009 unter anderem eine Kurzform des Big Five Modells.

Die größten Unterschiede zwischen den Altersgruppen zeigten sich in Sachen Gewissenhaftigkeit. Junge Erwachsene sind im Schnitt noch eher planlos und unstrukturiert – das ändert sich jedoch merklich bis zum Alter von ungefähr 40 Jahren. Zwischen 20 und 40 Jahren steigt die Gewissenhaftigkeit rasant an. Auch die Verträglichkeit, also wie gut man mit anderen auskommt und sich auf sie einstellen kann, nimmt im Lauf des Lebens zu, aber eher im höheren Alter, jenseits der 60. Die Offenheit für Erfahrungen jedoch sinkt mit der Zeit: So interessieren sich ältere Menschen im Allgemeinen weniger für moderne Kunst oder technische Innovationen.

Der Grad des Neurotizismus – so bezeichnen Forscher die emotionale Labilität eines Menschen (wie anfällig er beispielsweise für Stress ist) – sowie die Geselligkeit (»Extraversion «) bleiben den Untersuchungen von  Daten zufolge dagegen bis ins hohe Erwachsenenalter auf einem relativ ähnlichen Niveau.

Das Forscherteam um den Psychologen Oliver Lüdtke von der Humboldt-Universität zu Berlin im Jahr 2011 Daten werteten die so genannten TOSCA-Studie aus (Transformation of the Secondary School System and Academic Careers). Auch in dieser Studie zeigte sich ein allgemeiner Trend: Offenbar wurden die jungen Leute über den betrachteten Zeitraum hinweg insgesamt verträglicher, gewissenhafter und emotional stabiler. Das war allerdings nicht bei allen gleichermaßen der Fall. Wer nach dem Abitur eine Ausbildung begonnen hatte, zeigte im Durchschnitt einen deutlich stärkeren Anstieg der Gewissenhaftigkeit als diejenigen, die ein Studium aufgenommen hatten. Die Studierenden wiederum legten hinsichtlich ihrer Verträglichkeit auffällig stark zu.

Dass Partnerschaften einen wichtigen Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung haben, zeigt der Psychologe Franz Neyer von der Friedrich-Schiller-Universität in Jena. Laut seinen Studien macht besonders die erste feste Partnerschaft eine reifere Persönlichkeit aus uns, was sich in größerer Gewissenhaftigkeit und emotionaler Stabilität zeigt. Dieser Schub hält oft langfristig an, selbst wenn sich die Partner später trennten.

Eine 2012 erschienene Studie von Psychologen um Joshua Jackson von der Washington University in St. Louis ergab. Die Forscher analysierten ebenfalls Daten der TOSCA-Studie daraufhin, wie sich junge deutsche Männer entwickelten, nachdem sie sich entweder für den Bundeswehrdienst oder einen Zivildienst entschieden. Im Gegensatz zur Studien- oder Ausbildungsplatzwahl, die nicht nur von persönlichen Wünschen, sondern auch von der Schulleistung abhängt, war die Entscheidung für den Wehroder Zivildienst (relativ) frei. Laut Jackson und seine Kollegen waren Männer, die sich für den Dienst an der Waffe entschieden, im Schnitt weniger verträglich und nicht so offen für Erfahrungen, jedoch emotional stabiler als Zivildienstleistende. Wehrdienstverweigerer waren hingegen meist verträglichere Naturen – und legten im Zuge ihres Zivildienstes in Sachen Verträglichkeit sogar noch zu.

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