Viele ökonomische und politische Probleme bleiben weiterhin ungelöst. Die Problemmülldeponie wächst stetig.

Ungelöst ist nach wie vor die Eurokrise. Die Europäische Zentralbank kauft lösungsunwilligen Regierungen durch billiges Geld und durch die Abwertung des Euros Zeit auf Kosten der privaten Sparer.

Die Griechenlandkrise ist ungelöst. Von einem funktionierenden Staatswesen ist Griechenland genauso entfernt wie von einer wettbewerbsfähigen Volkswirtschaft. Die Flüchtlingskrise wird nicht gelöst und bringt selbst Deutschland an den Rand seiner Leistungsgrenzen.

Wie kommt es eigentlich, dass unsere Gesellschaft sich mit der dynamischen Komplexität so schwer tut?

Im Umgang mit dynamischer Komplexität benötigen wir Menschen mit der Fähigkeit zur Reduktionsweisheit. Reduktionsweisheit ist keine Disziplin in Deutschland, die wirklich gelehrt und gelernt wird. Dazu gehört zunächst, dass Menschen lernen mit ihrem Kopf, mit ihren Gefühlen und mit ihrem Körper im Kontakt zu stehen ohne dass die die Komplexität unzulässiger Weise reduzieren (Stammtisch-Denken). Komplexität angemessen zu reduzieren können empathische Menschen, die über eine ganzheitlich ausgebildete Persönlichkeiten verfügen.

Wir lernen überwiegend auf den kognitiven Mastweiden unseres Bildungs- und Ausbildungssystems fachliche Analytik. Der beste Fachmann oder die beste Fachfrau wird zur Führungskraft gemacht. Politiker scheuen Fortbildung wie der Teufel das Weihwasser.  Politiker und Führungseliten fordern permanent von anderen Veränderungsbereitschaft. Nur sie selber halten sich nicht daran. Vorbild ist nirgends.

Eine professionelle Ausbildung von Sozialkompetenzen, Umgang mit den eigenen Gefühlen und Bedürfnissen wird weitestgehend dem Zufall überlassen.

Empathie

Gemeinsam Denken

Soziale Gemeinschaften wie Familien, in denen ggf. Sozialkompetenzen erlernt werden, zerbrösseln immer mehr. Junge Menschen sind heute einem enormen Leistungs- und Verwertungsdruck ausgeliefert. Die weiterführenden Schulen bevorzugen nach wie vor frontale Druckbetankung im Unterricht (Turbo-Abi). Die Verschulung aller Studiengänge durch Bachelor und Master hat mit dem ursprünglichen Sinne des Wortes „studieren = sich widmen“ nichts mehr zu tun. Der Gebrauch von Psychopharmaka und Drogen, den Leistungsstress durchzustehen, hat epische Ausmaße erreicht.

Der unmittelbare Sofortbefriediger, der kaum noch irgendeinen Aufschub emotionaler Spannungen duldet, ist heute ein massenhafter Sozialisationstyp und nützlicher Konsument zum Abbau stetig wachsender Warenberge.

Gehirne von Kleinkindern, Kindern und jungen Menschen entwickeln durch einen exzessiven Multimediagebrauch nur noch eine geringe Konzentrationsfähigkeit, geringe Sozialkompetenz und eine geringe kognitive Verarbeitungstiefe.

Wenn wir uns alles dies vor Augen führen, wird klar, wie groß die Anforderungslücke zwischen der Lösung politischer und gesellschaftlicher Probleme und unseren vorhandenen Fähigkeiten schon jetzt ist.

Dynamische Komplexitäten zeichnen sich dadurch aus, dass es keine einfachen Lösungen und kein Richtig oder Falsch gibt. Es gibt viele Möglichkeiten und niemand kennt genau die Lösung. Es gibt viele Option, beim einem hohen Ausmaß an Unsicherheit, ob die Lösung funktionieren wird.

Für solche Problemlösungen benötigen wir immer mehr Menschen, die noch „alle beisammen haben“. Die also ihren Verstand mit ihren Emotionen und ihren somatischen Markern (emotionales Erfahrungsgedächtnis des Körpers) zusammenbringen können. Die also das Geheimnis kluger Entscheidungen beherrschen anstatt die unmittelbare Sofortbefriedigung, Aktionismus, Stammtischparolen oder emotionaler Histerie.

Unser Gehirn ist nämlich sehr gut geeignet im Umgang mit dynamischen Komplexitäten. Viele Befunde der modernen Gehirnforschung zeigen, dass unser Gehirn eine enorme Assoziationsfähigkeit hat. Das es ein Priming beherrscht, d.h. dass es unbewusst in der Lage ist, viele Informationen zu verarbeiten und dann von selbst eine Lösung anbahnt.

Das Kopf, Herz und Hand bei klugen und guten Entscheidungen zusammenwirken müssen, ist nicht neu. In der Antike und den germanischen wie indianischen Völkern war dieser Zusammenhang selbstverständlich und brachte u.a. die uns heute noch bekannten Dialogformate hervor. So beschreibt das altdeutsche Wort „Rat“ den Dialogkreis der Germanen und ist die Wortwurzel für den heutigen Begriff „Gemeinde-Rat“.

Die Germanen bildeten einen Gesprächskreis, also einen natürlichen hierachiefreien Raum, in dem nur der reden durfte, der einen Redestein in der Hand hielt („das Wort ergreifen“). Alle anderen mussten zuhören. Dadurch verlangsamt sich das Denken. Impulsive emotionale Reaktionen werden  ebenfalls „ausgehalten“ und bekommen so erst eine Chance, vom Verstand wahrgenommen und verstanden zu werden.

Durch einen gegenseitigen respektvollen und hierarchiefreien Umgang im Dialograum bekommt die Vielfalt der Gedanken überhaupt erst eine Chance für mögliche Lösungsansätze nutzbar zu werden.

Die Vielfalt von Idee und Gedanken ist für die Lösung von dynamischen Komplexitäten sehr wichtig. Wenn Menschen, die einen Dialog führen, eine Verantwortung für ihre Gefühle und Bewertungen zu übernehmen, entsteht überhaupt erst eine uneingeschränkte Aufmerksamkeit, positives Erkunden und damit ein gemeinsames Verständnis. Ein gemeinsames Verständnis kann für die Lösung der Probleme sehr hilfreich sein, wenn es einhergeht mit angemessenen Problemlösungen, die der Komplexität auch entsprechen. Ansonsten setzt sich die Macht des Faktischen durch wie zur Zeit bei dem Problem mit den Flüchtlingen.

Wenn sie darüber hinaus Menschen gelernt haben, dass ihre Gedanken und ihre Bewertung über andere und der Welt immer eigene Konstruktionen sind und sie dafür auch logischerweise die Verantwortung übernehmen müssen, dann sind wir auf dem Weg, die in uns wohnende Reduktionsweisheit unseres sozialen Gehirns zu entfalten.

Wenn Menschen mit sich und anderen so klug in Kontakt stehen,  entsteht aus der  Vielfalt ein gemeinsamer Sinn, aus der eine Gruppe immer eine angemessene, gemeinsame und tragfähige Lösung  machen kann. Der Mensch als soziales Wesen entfaltet seine Potentiale nur in einer wertschätzenden und respektvollen Gemeinschaft. Dafür hat die Natur eigentlich unsere soziales Gehirn entwickelt. Es wird Zeit, dass wir dieses in uns liegende Potential wieder erkennen, pflegen, ausbauen und nutzen.