Systemversagen in der digitalen Transformation

In diesem Blog beschäftige ich mich mit den tieferliegenden Gründen und kulturellen Ursachen, warum Deutschland in der digitalen Transformation nach Aussagen anerkannter Experten (leider nur Männer) immer mehr abgehängt und Zukunft immer mehr an Einfluß verlieren wird. Wir können aus meiner Sicht von einem deutschen Systemversagen ausgehen. Was wiederum die Schlußfolgerung nahelegt: Das wir vor der Aufgabe stehen, eine grundlegende Disrubtion unserer Kultur- und gesellschaftlichen Systeme friedlich und produktiv zu organisieren. Und das möglichst schnell, sonst werden wir immer mehr abgehängt. Wir werden Spielball neuer hegomonialer Kräfte. Wie ich in diesem Block zeige, geschieht uns das historisch gesehen nicht das erste Mal. Wir sind eigentlich ein Land, was immer zu spät kommt, wenn es um neue hegomoniale Entwicklungen geht.

„Wer die Geschichte der letzten 200 Jahre nicht kennt, versteht die Gegenwart nicht“ (Johann Wolfgang von Goethe).

Unter Hegemonie (von altgriechisch ἡγεμονία hēgemonía ‚ Heerführung, Hegemonie, Oberbefehl‘; dieses von ἡγεμών hēgemṓn ‚ Führer, Anführer‘) versteht man die Vorherrschaft oder Überlegenheit einer Institution, eines Staates, einer Organisation oder eines ähnlichen Akteurs in politischer, militärischer, wirtschaftlicher, religiöser oder kultureller Hinsicht. Gegenüber einem Hegemonen, dem Machthaber in der Hegemonie, haben andere Akteure in einem sozialen System nur eingeschränkte Möglichkeiten, ihre eigenen Vorstellungen und Interessen praktisch durchzusetzen. (Quelle Wikpedia)

1. Grund: Über IT entscheiden die in der analogen Welt lebenden Entscheidungsträger mit extremer Ahnungslosigkeit und Mystfizierung gegenüber der IT

Sascha Lobo hat das App-Desaster der Demokraten von IOWA im Spiegel Online vom 25.2.2020 treffend als Warnung für uns beschrieben:

„Wie kann so etwas geschehen? Die Antwort ist eine, die auch und besonders Deutschland zur Mahnung gereicht. ….sämtliche Leute, die schon mal im Großraum IT gearbeitet haben, kennen ähnlich schlimme Projekte. Am Ende steht fast immer ein Muster:

In extremer Ahnungsarmut lebende Menschen entscheiden, was technisch gefälligst möglich sein soll und was nicht. Oft geschieht das anhand von PR-Kriterien….“

„Zu solchen Projekten gehören zahlreiche verlässlich in den Wind geschlagene, interne Warnungen (siehe Berliner Flughafen Anm. des Autors)  – allerdings auch, dass sich am Ende Leute mit Sachkenntnis finden, die die Katastrophe trotzdem umsetzen. Obwohl sie schon wissen, dass es schiefgehen muss.“

Der Spiegel berichtete in einem langen Artikel am 13.9.19 mit dem Titel: „Milliardenfiasko bei Informationstechnologie des Bundes“, dass allein die Bundesregierung 899 Mio. Steuergelder durch gescheitetert Digitalisierungsprojekte verschwendet hat ohne irgendein Nutzen. Jeder Unternehmer würde dafür im Knast landen. In der Politik bleibt das alles folgenlos für die verantwortlichen Politkerinnen und Politiker. Autobahn-Maut lässt grüßen.

2. Grund: Wir können Klein-Klein und sind hilflos gegenüber Hegomonialkräften

„Ich habe oft bitteren Schmerz empfunden bei dem Gedanken um das teutsche Volk, das so achtbar im Einzelnen und so miserabel im Ganzen ist“ (Johann Wolfgang von Goethe).

Siehe die aktuelle Umgang der Bundesländer mit der Corona-Krise. Das Handelblatt-Online vom 13. März 2020 schreibt dazu:

„Selbst in der Not sind die Bundesländer nicht in der Lage, schnell und gemeinsam zu entscheiden. Jetzt beginnt genau das Desaster, das zu erwarten war: Bayerns Ministerpräsident Markus Söder macht heute das, was er gestern schon in Aussicht gestellt hat: Er schließt die Schulen. Bisher haben das am Freitagmorgen auch Niedersachsen, Berlin, das Saarland, Bremen und Schleswig-Holstein angekündigt. In Nordrhein-Westfalen tagt noch das Kabinett. Weitere werden vermutlich folgen, doch bisher gibt es nur Gerüchte. Das ist ein Armutszeugnis. Am Donnerstag haben die verschiedenen Kultusminister verkündet, sie schließen Schulschließungen nicht aus, wollen aber von Tag zu Tag entscheiden, ob diese nötig sind. Zugeschoben haben sie die Verantwortung den Gesundheitspolitikern – sie selbst seien ja keine Seuchenexperten Geht‘s noch?“

Im folgenden führe ich aus, warum Deutschland sich in der Politik, in den öffentlichen Verwaltungen, in der Wissenschaft und zu einem erheblichen Teil in der Wirtschaft  mit der Digitalen Transformation so schwer tut und warum wir chronisch dazu neigen, bei Hegominalentwicklungen uneinholbar abgehängt zu werden. Dazu klären wir erst ein Mal, warum die digitale Transformation eine neue Hegomonialkraft ist.

Was ist die Hegomonialkraft der digitalen Transformation?

In einem anderen Blockbeitrag auf dieser Seite habe ich schon über Eigenart der digitale Transformation ausführlich berichtet.

Das Wesen der Digitalen Transformation ist, dass nicht mehr die Hardware entscheidend ist, sondern die globalen Software- und Cloudlösungen und ihre Plattformen. Dahinter stehen enorm leistungsfähige Rechner, enorme Speicherkapazitäten und eine hocheffiziente Datenverarbeitung. Und es ist ein systematisches Zusammenwirken verschiedener Technologien (siehe Bild).

Dadurch entsteht eine datenbasierte Effizienzradikalität, eine Art Super-Taylorismus oder eine Disrubtion analoger Geschäftsmodelle. Wer die Plattformen wie Android (Google) und Apple und oder die Cloudlösungen (Amazon) beherrscht, beherrscht den Markt. Wer alles über den Kunden weiß (Big Data), beherrscht den Kunden (Smart Data). The Winner takes it all. Damit wird die Produktivität durch eine datenbasierte Effizienzradikalität auf die Spitze getrieben, mit deren Wirtschaftlichkeit, herkömmliche analoge Geschäftsmodelle nicht mehr mithalten können.

Big Picture Digitale Transformation

Diese Entwicklung findet global statt und beherrscht und verändert weltweit die Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Deswegen bezeichne ich die Digitale Transformation als Hegomonialkraft. Es ist eine neue und subtile Form des High-Tech-Kolonialismus. An der Spitze stehen zwei Hegomonialkräfte: Die amerikanischen Unternehmen wie Google, Apple, Amazon usw. und auf der anderen Seite der chinesische Staat mit seinen totalitären Ansätze einer smarten Digitaldiktatur. Europa und insbesondere Deutschland werden immer mehr Spielball von diesen neuen Hegomonialkräften. Das kann man bei den Entwicklung der Künstliche Intelligenz wie auch bei dem 5G-Netz deutlich beobachten.

Im nächsten Schritt meiner Darstellung kläre ich die tieferliegenden Gründe, warum es uns insbesondere in Deutschland so schwer fällt, diesen Hegomonialkräfte etwas entgegenzusetzen.

 

 

mentales Gefängnis

3. Grund: Dezentrale Klein-Klein-Mentalität und Verharren in einer überholten industriellen Arbeits- und Organisationskultur

Aus meiner Sicht liegt es an unserer dezentralen Klein-Klein-Mentalität und der Dominanz der Fach- und industriellen Machtkultur, die zutiefst in unserer Zivilgesellschaft verwurzelt ist sowie in der überholten industriellen Arbeitskultur, die in sämtliche Poren unserer Gesellschaft seit zwei Jahrhunderten eingedrungen ist. Wir sind u.a. auch deswegen Exportweltmeister, weil wir es exzellent beherrschen, unsere Industrieprodukte in die Welt zu exportieren. Flankiert von einer für uns viel zu schwachen Währung, dem Euro und dem größten Niedriglohnsektor in Europa sowie (bisher) geringe Investition in die Infrastruktur. Das macht andere europäische Länder in ihre Wirtschaft extrem zu schaffen.

Die Kehrseite dieses Erfolgsmodells ist: Was ein enormer Wettbewerbsvorteil (Made in Germany) war und noch ist, hängt uns nun wie Mühlsteine in den Knochen und verhindert den notwendigen und umfassenden Musterwechsel. Es geht heute nicht mehr von Gut auf Besser. Diese Optimierung, also mehr vom selben,  bekommen wir mit Industrie 4.0 sehr gut hin. Es geht heute von Besser auf Anders. Und hier versagen wir flächendeckend.

Wenn ein Musterwechsel so flächendeckend versagt, hat das systemische Ursachen. Daraus folgt: Hier ist niemand schuld oder zu blöd, sondern unser kulturell und historisch gewachsenes Gesamtsystem von Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Bildung ist nicht wandlungsfähig genug, um mit dem globalen Tempo der Digitalen Transformation Schritt zu halten. Wir müssen uns darauf einrichten, uns entweder neu zu erfinden oder zunehmend abgehängt zu werden.

4. Grund: Wir kamen bei großen hegomonialen Entwicklungen historisch gesehen immer zu spät im Vergleich zu anderen Ländern mit historisch verherrenden Wirkungen

Das passiert uns in Deutschland nicht das erste Mal. Wir kommen immer – historisch betrachtet – immer zu spät, wenn es um globale Trends geht.

Deutschland ist seit 2000 Jahren ein Ort dezentraler Wertschöpfung. Wir sind dezentral bis auf die Knochen.  Das Grundprinzip des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nationen war immer ein Flickenteppich von Territorien großer Adelshierarchien. Starke Fürsten  und ein schwacher König war stets das Grundprinzip der Machtverteilung. Das hat und hatte viele Vorteile. Ein überall gut funktionierendes Gemeinwesen. Uns gelingt es, wie kaum anderen, kulturelle und religiöse Vielfalt auf einem Raum zu organisieren u.v.a.m.

Diese Dezentralisierung bewirkte jedoch, dass wir nicht nur bei der Nationenbildung in Europa zu spät kamen, sondern auch bei vielen hegomonialen Entwicklungen. Wir kamen bei der Kolonialisierung zu spät, wir kamen bei Industrialisierung zu spät und wir kamen bei der Demokratie zu spät. Erst die westlichen Siegermächte zwangen uns zur Demokratie. Und selbst das galt nur für eine Hälfte von Deutschland. Die andere wurde totalitär geführt. Interessant ist, dass wir dann, um die Entwicklungen wieder einzuholen, historisch gesehen, in unmenschliche autoritäre Systeme wechseln und so zwei Weltkriege begannen.

Durch drei unmenschliche totalitäre Systeme (preußisches Kaiserreich, das dritte Reich und die DDR), wurde mit aller Macht und gegen jede Menschlichkeit versucht,  die Versäumnisse der Vergangenheit aufzuholen und ihre nationalistischen und ideologische Interessen durchzusetzen. Die DDR war eine Fortsetzung des Stalinismus der ehemaligen Sowjetunion, die zwar noch die Industralisierung gewaltvoll erzeugte, aber an den pluralen Wissensgesellschaften scheiterte.

Weil wir historisch betrachtet, unsere hegomonialen Kräfte extrem zerstörisch einsetzen, haben die Siegermächte zur Recht beschlossen, uns hegomonial einzuhegen durch eine tiefe Verankerung des Förderalismus in unsere Verfassung und unserer politisches System. Wie früher gilt, gilt auch heute noch: Starke Fürsten, schwacher König oder modern gesagt: Schwache Kanzlermacht, starke Ländermacht.

Die Dezentralität funktionierte für uns solange gut, solange wir uns bequem unter dem Schutz und der Sogwirkung der Hegomonialmacht USA standen. Die Zeiten sind nun vorbei. Es treten neue hegomionale Kräfte auf, gegen die wir mit unserer dezentralen Kultur keine Chance haben. Deutschlands Geschichte ist voll mit Beispielen, wie wir unter die Räder kommen, wenn Hegomonialkräfte den Anspruch haben, uns zu beherrschen.

So war z.B. der für Deutschland folgenreiche dreißigjährige Krieg (von 1618 bis 1648) ein Krieg europäischer Hegomonialkräfte. Die damaligen Hegominalmächte Frankreich, Österreich-Ungarn und am Ende die Schweden wollten ihren Machteinfluß auf Zentraleuropa ausdehnen.

So wie der dreißigjährige Krieg Deutschland fast aufrieb, so werden wir heute allmählich zerrieben und abgehängt von den globalen Hegomonialkräften der Digitalisierung die aus den USA und China kommen. Wir haben mit unserer Dezentralität dem nichts Wirksames entgegenzusetzen. Oder es mit den Worten des Vorstandschef der Deutschen Telekom zu sagen:“Wir haben die erste Halbzeit der Digitalen Transformation verloren und wir sind dabei, die zweite Halbzeit zu verlieren“ (Podcast Gabor Steingart)

Sehr schön kann man unser digitales Desaster am Digitalpakt für die Schule verdeutlichen. Auch hier entschieden in extremer Ahnungsarmut lebende analoge Bildungspolitiker (w/m/d) über eine IT-Infrastruktur in den deutschen Schulen. Anstatt in zentrale Cloudlösungen zu investieren, werden technisch sinnlose und viel zu teuere dezentrale Serverstrukturen und Frontendgeräte eingekauft, die nach ihrem Kauf technisch schon überholt sind und nur der IT-Branche dienen. Mal abgesehen davon, dass es kaum qualifiziertes Personal in den Schulbehörden und in den Schulen gibt, die diese Server aufbauen und Endgeräte mit der Software supporten können. Avanti Dilitanti.

5. Grund : Die beste Fachkraft wird immer noch Führungskraft: Dominanz des Fachmanagements vor der empathischen Menschenführung

Neben der tiefen historischen Verwurzeltheit in der Dezentralität und dem Unvermögen zivile und produktive Hegomonialkräfte zu organisieren, ist ein weiterer Mühlstein gegen den Wandel unsere traditionelle Fachkultur und unsere damit geprägte hierachische Machtkultur in fast allen Führungetagen traditioneller Unternehmen. Die beste Fachkraft wurde und wird bis heute noch Führungskraft. Beides führt zu einer unproduktiven Deformierung in der Anwendung der digitalen Technologien.

Die Digitalisierung wird durch einen fast irrwitzigen Kontrollwahn und das Festhalten an überkommenden Arbeits- und Führungskulturen deformiert. Damit sind die neuen digitalen Produktivitäten aber nicht zu heben. Es gibt kaum einen Zweifel von den Digitalexperten, dass die Digitale Transformation nur dort Potentiale der Effizienzradikalität hebt, wo sie mit einer radikalen Veränderung der Führungs- und Arbeitskultur einhergeht.

Wir stecken fest in alten Konzepten der industriellen Arbeitskulturen von Silo- und tayloristisch auf die Spitze getriebenen Arbeitsorganisationen in Wirtschaft, Verwaltung und Politik. Diese Organisationsformen fallen immer mehr aus der Zeit und sie sind ungeeignet, Probleme der dynamischen Komplexität zu lösen. Wie Christoph Kesse in seinem Buch „Silicon Germany“ treffend herausgearbeitet hat: Wir können vertikale Arbeitsformen sehr gut. Horizontale Vernetzung in offenen und dynamischen Netzwerken können wir nicht. Aber genau das sind die Arbeitsformen, ohne die eine digitale Transformation nicht wirklich funktioniert.

Dabei bedeutet dieser Wandel noch nicht mal eine Neuordnung der Macht, sondern nur eine Verschiebung in den Schlüsselfunktionen der Macht. Aber selbst das kriegen wir nicht hin. Wir haben lange Zeit von der Dominanz der Fachkulturen in den oberen Führungsetagen aus klassischen Naturwissenschaften, der Medizin, der Juristen und der mathematisch bestimmten Volks- und Betriebswirtschaften gelebt. Im Industriezeitalter war das ein Erfolgsmodell. Allen o.g. Fachkulturen ist gemeinsam, dass sie mit dynamischen Komplexitäten nicht umgehen können und das in ihren Fachgebieten der Mensch maximal als Objekt der Arbeitsorganisation, der Verwaltung, der Wissenschaft und der Führung betrachtet wird. Menschen als gleichberechtigte Subjekte mit Gefühlen, sind diesen Fachkulturen extrem suspekt und fremd. In der Fachkultur wird nicht geführt, sondern nur gemanagt. Und das funktioniert immer weniger.

Der tieferliegende Grund liegt darin, dass diese Fachkulturen aufgrund ihrer tradierten Menschenbilder nicht in der Lage sind, Organisationen in die Zukunft zu führen. Hier wird mit alten Denken und überholten Weltbildern versucht, die aktuellen Problem dynamischer Komplexität zu lösen.

Es gibt zwei tiefere Gründe für die Dominanz der Sachen vor den Menschen in der deutschen Führung:

Der erste Grund ist die Diskreditierung des Führungsmodells durch den Nationalsozialismus und die Restaurationsphase nach dem 2. Weltkrieg, wo ehemalige Nazis in den öffentlichen Verwaltungen und Schulen durch die Siegermächte etabliert wurden, weil sie besten Kommunismushasser waren (Roll-Back-Politik). Damit einher geht, eine Tabuisierung der Verbrechen des Nationalsozialismus bis in die 60er Jahre, die erst durch die Studentenbewegung aufgebrochen wurden. Im übrigen war das bisher die letzte wirklich nachhaltige Modernisierung in Deutschland ohne die heute unsere moderne Zivilgesellschaft so nicht existieren würde.

Die Führung in den Untenehmen bezog sich ausschließlich auf das Management von Sachen und Fachfragen. Ein Bewußtsein und vor allem eine Haltung, dass in Unternehmen auch Menschen arbeiten, die ich als Führungskraft anders führen muss, als den Umgang mit Sachen, wurde allmählich und sehr langsam erst in den 90er Jahren anerkannt. Seit den 90er Jahren, also gerade mal vor 30 Jahren, ist das Training von Sozialkompetenzen in Führung in der deutschen Wirtschaft angekommen. In der Betriebswirtschaftslehre des universitären Mainstreams geht immer noch von Homo oeconomicus aus. In unserem Schulsystem ist bis heute die Sozialkompetenz kein Unterrichtsfach. Unser Bildungssystem ist nach wie vor eine kognitive Mastweide.

Ein zweiter Grund liegt in unserem kulturell tiefverankerten Staatsverständnis des Preußentums. Ein Garant dieser alten wilhelmischen Kultur ist unser dreigliedriges Schul- und Ausbildungssystem und unser Sozialstaatssystem. Die Preußen erfanden das Sozialstaatssystem mit dem Beamtentum als subtiles Machtmanagement, sich die Loyalität ihrer Bürger zu sichern und ein Oben-Unten staatlich zu manifestieren. Gleichzeitig bauten sie ein dreigliedriges Schulsystem als umfassendes Anpassungssystem für das Militär und die Industrie auf. Sie organisierten die Volksschule für das Kanonenfutter, die Mittelschule für die Unteroffiziere und das Gymnasium für die Offiziere, Hauptmänner und Generäle aus den Adelsgeschlechtern. Bildung als Hebel für Anpassung  und Absicherung von Pfründen war und ist bis heute das Grundprinzip unseres Schulsystems. Niegendswo auf der Welt hängt der Erfolg der Bildung von der Herkunft des Elternhauses ab wie in Deutschland. Die verschulten Bachelor und Masterstudiengänge ordnen sich in das Grundprinzip des angepassten Lernens wilhelminischer Art ein.

„Ich kenne heute keine Studenten mehr, die mir erklären können, was sie motiviert zu studieren“ (Prof. Lesch am 5. März 2020 bei Markus Lanz, wo er seine fundamental Kritik an das deutsche Schulsystem in seinem neuen Buch: Wie Bildung geling, erläutert).

Das ist nicht nur eine riesige Verschwendung und Abnutzung von gesellschaftlicher Ressourcen, sondern in den Lernmodellen der Schule ist ein menschenfeindliches Bild des behavoristischen Lernens von Input und Output enthalten (Rattenpsychologie). Es erzeugt systematisch mehr Verlierer als Gewinner. Es vernichtet Neugier und Lernbereitschaft von Grundschulkindern und erzeugt massenhafte Lernwiderstände, die es dann mit aussichtslosen Sanktionen bestrafen und wieder einfangen will. Es ist mir ein Rätsel, wie man mit diesem Schulsystem Zukunft gestalten will, in einem Land, wo das einzige Potential für die Zukunft darin liegt, kluge, innovative und empathische Menschen zu bilden. Wir brauchen für die digitale Transformation empathische Schwertfische und keine angepassten Qualen.

Fazit

Es spricht vieles dagegen, dass uns der Wandel der digitalen Transformation so gelingt, dass wir wieder vor der Welle surfen. Es spricht sehr viel dafür, dass wir politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich in der Welt immer mehr an Einfluß verlieren und Spielball neuer hegomonialer Interessen werden. Wir müssten uns komplett neu erfinden. Das kann einzelnen Branchen, Organisationen und Menschen gelingen. Das es einer ganzen Nation gelingt, die mehrheitlich mit dem alten Modell noch so erfolgreich verbunden ist und so traditionell wie konservativ in der Vergangenheit verhaftet, ist wohl kaum zu erwarten.

 

 

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